Verfasst von Maartje De Vos (Researcher Swine – Global R&D)
Schwanzbeißen stellt in der modernen Schweinehaltung nach wie vor eine erhebliche Herausforderung für das Tierwohl und die Wirtschaftlichkeit dar. Trotz jahrzehntelanger Forschung und der Umsetzung von Managementstrategien wie Auslaufmöglichkeiten, Anpassungen der Besatzdichte und Schwanzkupierung besteht das Problem system- und regionenübergreifend fort. Ein wesentlicher Grund für diese Hartnäckigkeit ist der multifaktorielle Charakter des Problems. Schwanzbeißen resultiert aus Wechselwirkungen zwischen Umweltbedingungen, Ernährungsfaktoren, Gesundheitszustand, Geschlecht und Genetik. Die Forschung weist zunehmend auf die Bedeutung zugrunde liegender physiologischer Mechanismen sowohl beim beißenden als auch beim gebissenen Schwein hin. Das Verständnis dieser physiologischen Prozesse ist unerlässlich für die Entwicklung gezielter Ernährungsstrategien und Futterzusätze, die die Widerstandsfähigkeit verbessern und das Auftreten von schädlichem Verhalten reduzieren können.
Schwanzbeißen als stressbedingte Störung
Eine übereinstimmende Erkenntnis verschiedener Studien ist die Beteiligung des Stressreaktionssystems – insbesondere der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA-Achse) – am Schwanzbeißen. Sowohl die beißenden als auch die betroffenen Schweine weisen erhöhte Cortisolspiegel auf (Rabhi et al., 2020), was darauf hindeutet, dass Schwanzbeißen eher mit einer gemeinsamen Stressreaktion als mit einfacher Aggression zusammenhängt.
Eine chronische Aktivierung der HPA-Achse hat vielfältige physiologische und verhaltensbezogene Folgen. Während kurzfristiger Stress die Wachsamkeit steigern kann, beeinträchtigt anhaltender Stress die Fähigkeit des Tieres, mit neuen Herausforderungen in der Umgebung oder im Management umzugehen (Valros et al. 2013). Dies äußert sich in einem veränderten Fressverhalten, einer verminderten Wachstumsleistung und einer erhöhten Instabilität in sozialen Interaktionen.
Wichtig ist, dass Stress in diesem Zusammenhang sowohl als Ursache als auch als Folge wirkt. Er kann Schweine dazu prädisponieren, mit dem Schwanzbeißen zu beginnen, und kann das Verhalten auch noch verstärken, sobald es einmal aufgetreten ist, wodurch ein sich selbst verstärkender Kreislauf entsteht.
Ungleichgewicht der Neurotransmitter: Die Rolle von Serotonin
Die Verhaltensregulation bei Schweinen wird stark von Neurotransmittern beeinflusst, insbesondere von Serotonin. Dieser Neurotransmitter steht in engem Zusammenhang mit emotionaler Stabilität, Impulskontrolle und Sozialverhalten.
Studien haben gezeigt, dass Schweinchen, die am Schwanz beißen – und in geringerem Maße auch die Opfer –, im Vergleich zu nicht betroffenen Schweinchen oft niedrigere Serotoninspiegel im Blut aufweisen (Ursinus et al. 2014). Eine verminderte serotonerge Aktivität kann die Verhaltenskontrolle beeinträchtigen und die Wahrscheinlichkeit von abnormalen Verhaltensweisen wie Schwanzbeißen erhöhen.
Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ist dies von großer Bedeutung. Serotonin wird aus der essentiellen Aminosäure Tryptophan synthetisiert. Die Verfügbarkeit von Tryptophan in der Nahrung beeinflusst die Serotoninsynthese im Gehirn. Dies stellt einen Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung der Nahrung und Verhaltensausprägungen her und macht das serotonerge System zu einem potenziellen Ziel für ernährungsbezogene Interventionen.
Das GABAerge System und die Regulierung von Angstzuständen
Neben Serotonin spielt das Gamma-Aminobuttersäure-System (GABA) eine entscheidende Rolle bei der Verhaltensregulation (Phootha et al. 2022). GABA ist der wichtigste hemmende Neurotransmitter im Zentralnervensystem und für die Steuerung der neuronalen Erregbarkeit unerlässlich. Eine verminderte GABA-Aktivität geht mit erhöhter Angst und einem höheren Risiko für aggressives oder abnormales Verhalten einher. Sind sowohl das serotonerge als auch das GABAerge System dysreguliert, sind Schweine weniger in der Lage, Stress zu regulieren und ihr Verhalten zu kontrollieren, wodurch Bedingungen entstehen, unter denen Schwanzbeißen mit größerer Wahrscheinlichkeit auftritt.
Entzündung als zentraler Faktor
Schwanzbeißen ist nicht nur ein Verhaltensproblem, sondern auch ein physiologischer Zustand, der mit Entzündungen einhergeht. Bei Schweinen, die in den Schwanz gebissen wurden, kann Gewebeschaden zur Aktivierung des angeborenen Immunsystems führen (Heinonen et al. 2010), was erhöhte Entzündungsmarker, eine erhöhte Körpertemperatur und eine verminderte Futteraufnahme zur Folge hat. Darüber hinaus erhöht die beeinträchtigte Gewebeintegrität das Risiko für Sekundärinfektionen, was sich zusätzlich auf Gesundheit und Leistung auswirkt.
Gleichzeitig deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass die Schweine, die an Schwänzen beißen, selbst unter zugrunde liegenden entzündlichen Erkrankungen leiden können, insbesondere im Magen-Darm-Trakt, wie beispielsweise Magenreizungen oder Geschwüre (Czycholl et al. 2023). Dies legt nahe, dass das Schwanzbeißen eher eine Manifestation innerer Beschwerden als lediglich unerwünschtes Verhalten sein könnte.
Die Rolle der Mikrobiota-Darm-Gehirn-Achse
Die Rolle der Ernährung beim Schwanzbeißen wird zunehmend durch das Konzept der Mikrobiota-Darm-Gehirn-Achse verstanden. Die Ernährung prägt die Darmmikrobiota direkt und beeinflusst deren Vielfalt und Stoffwechselaktivität.
Ernährungsfaktoren wie ein unausgewogenes Eiweißverhältnis, ein Tryptophanmangel, eine geringe Ballaststoffzufuhr, abrupte Ernährungsumstellungen oder der Einsatz von Antibiotika können die mikrobielle Homöostase stören (Kobek-Kjeldager et al. 2022). Diese Veränderungen können die Produktion von Metaboliten beeinflussen, die wiederum die Gehirnfunktion und das Verhalten beeinflussen.
Dies untermauert die Ansicht, dass Schwanzbeißen nicht ausschließlich als Verhaltensstörung betrachtet werden sollte, sondern als multifaktorielles Krankheitsbild, bei dem die Darmgesundheit eine wichtige Rolle spielt.
Von der Physiologie zur Produktentwicklung
Die physiologische Komplexität des Schwanzbeißens unterstreicht die Notwendigkeit von Ansätzen, die auf mehrere Zielstrukturen abzielen. Schwanzbeißen steht im Zusammenhang mit Veränderungen in der Neurobiologie, der Stressphysiologie und dem Stoffwechselstatus, einschließlich Veränderungen der serotonergen Aktivität und einer Dysregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA-Achse). Diese Erkenntnisse sprechen für die Entwicklung von Strategien, die gleichzeitig auf mehrere biologische Signalwege abzielen.
Heute werden zunehmend integrierte Ansätze entwickelt, die mehrere Wirkmechanismen in einem einzigen Produkt vereinen. Insbesondere pflanzliche bioaktive Verbindungen stellen eine vielversprechende Klasse funktioneller Inhaltsstoffe dar, da sie nachweislich physiologische Prozesse beeinflussen, die für das Verhalten und die Resilienz relevant sind.
Zentail wurde entwickelt, um angstlösende, entzündungshemmende und stressmindernde Wirkungen zu entfalten, Verhaltenseskalationen zu reduzieren und zu einer verbesserten Gruppenstabilität beizutragen. Indem es sowohl auf das beißende als auch auf das gebissene Schwein abzielt, trägt dieses Produkt zu einer allgemeinen Steigerung der Resilienz innerhalb der Population bei. Ein wesentlicher praktischer Vorteil ist seine Flexibilität, da das Produkt unabhängig von der Futterzusammensetzung konzipiert ist und sich somit leicht in bestehende Fütterungsprogramme integrieren lässt.
Fazit
Schwanzbeißen sollte nicht länger als isoliertes Verhaltensproblem betrachtet werden, sondern vielmehr als komplexes physiologisches Syndrom, an dem Stressregulation, Neurobiologie, Entzündungsprozesse und die Darmgesundheit beteiligt sind.
Sowohl bei Schweinen, die beißen, als auch bei denen, die gebissen werden, liegen zugrunde liegende Ungleichgewichte vor, die ihre Fähigkeit beeinträchtigen, mit Umweltbelastungen umzugehen. Das Verständnis der Rolle von Neurotransmittern wie Serotonin und GABA, der Stresshormone, sowie von Entzündungen und der Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse hat den Weg für gezieltere Maßnahmen geebnet.
Durch die Umsetzung physiologischer Erkenntnisse in praktische Ernährungslösungen kann die Branche sowohl das Tierwohl verbessern als auch die Leistung steigern und gleichzeitig die Abhängigkeit von invasiven Haltungspraktiken wie dem Schwanzkupieren verringern. Produkte wie Zentail veranschaulichen, wie diese physiologischen Prinzipien in der Praxis angewendet werden können, um die Widerstandsfähigkeit zu fördern und das Schwanzbeißen auf Betriebsebene zu reduzieren.